Dienstag, 4. November 2014

"How I miss my phonograph" - Bram Stokers "Dracula" durch moderne Augen

In den letzten Wochen habe ich mit großen Genuss (und natürlich heimlichen Schaudern) Bram Stokers "Dracula" wieder gelesen. Als Jugendlicher war meine erste Begegung mit diesem Buchklassiker (wie ich erst später feststellen konnte) eine gekürzte, "spannender gemachte" Version. Man traute Kids schon damals keine Originale zu. (Heute sowieso nur noch, wenn sie nicht mehr als 140 Zeichen haben). 

(Exkurs: Danach sah ich recht schnell aufeinander den 1931-Lugosi-Film (erstaunlich weit weg vom Original) und Murnaus Stummfilm-Meisterwerk "Nosferatu" von 1923, diese Piratenversion, die ohne die Erlaubnis von Stokers Witwe entstand und von der die meisten Kopien daraufhin zerstört wurden. Für mich noch immer die beste Version und eine echte Symphonie, die jeder Cineast mal gesehen haben sollte. Noch dazu, wo es die aktuellste restaurierte Fassung hier auf Youtube gibt. Die originalgetreuste Version ist schon die von Francis Ford Coppola - allerdings ziemlich barock-bombastisch. Exkurs Ende.)

Jahre später, als Student las ich zu meinem Staunen die originale Romanversion und stellte fest, dass sie eine Collage aus Tagebüchern, Briefen, Zeitungsartikeln und Notizen war. Und viel, viel mehr Hauptfiguren enthielt, als ich mich aus den Filmen erinnern konnte. Für alle, die noch nie mit Dracula in Verbindung gekommen sind (ja, euch auf dem Mond meine ich), kurz die Handlung: Der Maklerangestellte Jonathan Harker reist nach Transsylvanien, um den abgelegenen lebenden Grafen Dracula in seinem finsteren Schloss in den Bergen ein Haus in England zu verkaufen. Dort stellt er nicht nur fest, dass der Graf eine uralte Kreatur der Nacht ist, die sich vom Blut unschuldiger Menschen ernährt, sondern auch, dass er vorhat, sein Jagdrevier nach England zu verlegen. JOnathan schafft es, sich auch der Gefangenschaft zu befreien, und stößt zu seiner Verlobten Mina und ihren Freunden in London. Dort hat der Graf schon zu wirken begonnen und Minas beste Freundin Lucy infiziert. Mit Hilfe des holländischen Professors Van Helsing beginnt die Jagd auf den unbesiegbar scheinenden Grafen... doch sie wird erst in Transsylvanien wieder enden...

Ich war natürlich gefesselt von dem Buch, überblätterte aber auch gewisse Passagen, die mir einfach lang vorkamen und die Handlung nicht vorantrieben. Mich irritierte das Mittel des Brief- und Tagebuchromans damals. Das war aber vor über 20 Jahren.

Die Rückkehr zum "Dracula" im Internetzeitalter ist eine überraschende und bestätigt wieder mal, dass man gute Bücher alle paar Jahre lesen sollte, weil sie jedes Mal völlig verschieden sind. Abseits von der spannenden und für das Jahr 1897 doch sehr modernen Geschichte ist mir erst jetzt aufgefallen, dass Stoker ein echter Techno-Geek war. Er ist unendlich fasziniert von den neuesten Errungenschaften, also etwa den Reisemöglichkeiten, dem Telegraphen und vor allem dem Phonographen. In der mittleren Sektion, die ausschließlich in England spielt und in welcher die weibliche Protagonistin Mina mehr in den  Mittelpunkt rückt, mutiert sie zu einer Art Chefsekretärin der handelnden Männer, die zwischen Vampirattacken die auf Phonographen aufgezeichnete Memos und Tagebucheintragungen mit Schreibmaschine trakskribiert und damit den Wissensstand der furchtlosen Vampirjäger täglich auf den neuesten Stand bringt. Dr. John Seward, Arzt, benutzt das Gerät fast zu gerne  und vermisst es sogar in der anschließenden Reise nach Transsylvanien ("oh, how I miss my phonograph"). Dem Lesen wird dieses Techno-Thema stellenweise fast zu zentral, aber man muss es dem begeisterten Stoker einfach nachsehen.

Zudem bastelt der Autor eine recht intelligente Collage, in der besonders einige der zitierten Zeitungsartikel pointiert und sogar parodistisch sind - hier blitzen in einem ansonsten eher ernsten, pathetisch-edlen Roman Humor und Mediensatire hervor, wie man sie aus Stokers Kurzgeschichten kennt. Letztere sind ja viel schärfer, grausamer und pointierter als noch die unheimlichsten Passagen von "Dracula". Ich weiss, man sollte den "würde Stoker heute leben"-Vergleich nicht überstrapazieren, aber er würde "Dracula" vielleicht als Internetseite mit Youtube-News-Clips, Video-Vlogs und Mockumentary-Elementen konzipieren. Es macht ihm sichtlich Spaß, kleine Details in einem Medium zu pflanzen und sie in einem anderen zu ernten. Und das Puzzle der verschiedenen Medien zusammenzusetzen. Durch die sehr glaubwürdig klingenden Artikel bekommt der Roman einen Touch von Realismus.

Und dann bewegt den gestressten Berufstätigen natürlich immer noch die Begegnung mit den letzten Überresten des 19. Jahrhunderts. Stoker selbst mag seine Geschichte im Jahre 1897, als er sie schrieb, als ein rasender Parforceritt vorgekommen sein. Von London über Wien und "Buda-Pesth" zum Borgo-Pass und zurück - die unheimliche Schiffahrt nach England, in der Dracula zum Albtraum einer Schiffsbesatzung wird - kreuz und quer durch London und am Ende wieder zurück nach Siebenbürgen...  das klingt unendlich gehetzt. Wenn man aber zwischendurch sieht, wieviel Zeit ein mutiger Vampirjäger damals hatte, wie er noch Orte besichtigen, Bücher lesen, Gespräche führen konnte - all das ist so unendlich ruih und somit so lange her... Auch als Gast des Grafen vergehen für Jonathan lange, lange Tage mit Lesen und Umschauen, bevor Dracula sein wahres Gesicht zeigt - köstlich ruhige ereignislose Tage. Heute muss man um jeden Moment kämpfen, in dem man "nichts tut".

Andererseits darf man nicht zu sehr um die Moderne klagen. Ein einziges Handy -und ein Sender in der Nähe des Borgo-Passes - hätten auf einen Schlag alle Pläne des Grafen durchkreuzt... So muss Jonathan warten und warten und seine Freunde rasen ahnungslos in ihr Verhängnis.

Fazit: Dracula ist lesenswert, noch mehr für Erwachsene als für Jugendliche, die mit den langen Passagen, wo "nichts passiert", vermutlich weniger anfangen können. Erhältlich als Buch, englischen Online-Text oder englisch oder deutsch gelesenes Hörbuch auf Youtube.

PS: wer sich eine kleine Kostprobe verschaffen will, kann auch die gruselige Kurzgeschichte "Draculas Guest" von Stoker lesen - das war ein ursprünglich für den Roman konzipiertes Stück, das Stoker herausschnitt und als eigenständige Kurzgeschichte verwendete.

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