Freitag, 14. November 2014

Abends an einem besonderen Ort

Ich sitze ganz alleine, an einem dunklen, ungewöhnlichen Ort. Umweht von einem überwältigenden Geruch von altem Holz. Kühl ist es und ganz still. Solche Stille kennt man ja heute nicht mehr. Aber es ist gut so, einfach hier zu sitzen. Matt fällt das letzte Dâmmerlicht durch Butzenglasscheiben. Aber hier drinnen ist es fast ganz finster. Das einzige Licht kommt vom Display meines Handys, auf dem ich das hier schreibe.

Der Boden, die Wände, die hohe Decke - alles Holz. Hier eingebaut im Jahr 1506. Links schälen sich aus der Dämmerung schemenhaft die Umrisse eines hôlzernen Himmelbetts. Mit einem großen unregelmäßigen Stoffkreuz am Fußende. Und rechts von mir... wenn ich mein Handy hebe, beleuchtet es geschwungene, verschnörkelte Kreideworte an der Holzwand, vor 500 Jahren kunstvoll von selbstbewußter Hand hingeschrieben.

"Ich leb, weiss net wie lang. Ich stürb weiss nicht wann. Muss fahrn, weiss nit wohin. Mich wundert dass ich so frelich bin."

Kaiser Maximilian hat in diesem Zimmer geschlafen, als er die Besitzer von Tratzberg, die Brüder Tänzl, besucht hat. Als er sich den Habsburgerstammbaum unten im Saal ausgiebig angeschaut und sicher gelobt hat. Dann, spãter am Abend, schlief er hier. Das ist verbügt. Der Schlossherr zeigte ihm sicher auch stolz die geheime Fluchtklappe, die hier, wenige Schritte von mir, in den Stubenboden eingesetzt ist. Irgendwann ging Maximilian schlafen. Schrieb er zuvor, gleichsam wie ein Graffiti, die Inschrift an die Holzwand? Vieles spricht dafür.

Die Stille ist total, aber bergend, nicht drückend. Ich denke natürlich über meinen Vorfahren nach, der hier vor 500 Jahren wohnte. Ob er sich wohl vorgestellt hat, dass so viele Jahre nach ihm ein Nachfahre wieder in dieser dunklen, kühlen, aber auch heimeligen Stube stehen würde? Dass es im unvorstellbar weiten Jahr 2014 noch Habsburger geben würde?

Ich stehe auf. Gehe langsam hinüber, lege im Dunkeln meine Hand auf einen der Pfosten des Bettes. Und habe das Gefûhl, durch die Geschichte herunterreichen zu können und Maximilian - für einen Augenblick - an der Hand zu fassen zu kriegen.

Lange sitze ich einfach und lasse den Raum mich umhüllen zu mir sprechen.

Irgendwann verlasse ich die Maximilianstube von Tratzberg wieder. Ja, ich mache auch Fotos. Aber sie können das Erleben nicht wiedergeben, wirken fast wie eine Entwürdigung dieses Raums.

Deshalb hier nur dieser Text.

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