Freitag, 23. November 2012

40 englische Märtyrer

Bei manchen Heiligen der Geschichte frägt man sich unwillkürlich, wie es ihnen wohl heute ergehen würde. Der heilige Pfarrer von Ars etwa, dessen spannende Biographie von Trochu ich neulich las, war immerhin "Patron des Priesterjahres 2010"; und dennoch fragte ich mich fast bei jeder Episode aus seinem Leben ein wenig bang, ob "so einer" wohl in der heutigen Pfarrlandschaft "anecken", nicht mehr in Seelsorgekonzepte passen würde etc. 

Ähnlich erging es mir bei einer ebenso einfachen wie erschütternden kleinen Schrift, die ich in den letzten Tagen las. Seit ich das 86-S.-Heftchen "FORTY ENGLISH AND WELSH MARTYRS" in den Händen hielt, jagen mir die Worte "Topcliffe", "27 Elisabeth" und "Tyburne" kalte Schauder über den Rücken.




Das Büchlein kam anlässlich der Heiligsprechung dieser Märtyrerinnen und Märtyrer des 16. Jahrhunderts am 25. Oktober 1970 heraus. Es erzählt ihre Leben kurz und recht unsentimental (für jeden oder jede bleiben nicht mehr als 1-2 Seiten) - und ist eine erfrischende Erinnerung daran, dass es Folgen haben kann, wenn man seinen (katholischen) Glauben wirklich ernst nimmt. Wie viele Märtyrer hatten diese Vierzig nicht wirklich die Genugtuung, für ihren Glauben zu sterben, sondern sie wurden für ein politisches Vergehen hingerichtet. Ab dem 1. Februar 1535 war es Hochverrat, den König nicht als kirchliches Oberhaupt anzuerkennen; später gab es das Gesetz "27 Elisabeth". Beide führten zu einer brutalen Katholikenverfolgung.

Die Biographien sind zumeist sehr ähnlich: heimlich am Festland, in Douay und Vallaldolid trainierte Priester, die sich nachts nach England einschmuggelten, um dort die "pastorale Grundversorgung" zu garantieren, die eigentlich immer früher oder später verraten, erwischt, gefoltert und hingerichtet wurden; und mit ihnen Männer wie Frauen, welche die Seelsorger in ihren Häusern beherbergten und versteckten, damit sie Beichte hören, Messe lesen, predigen konnten. Männer wie Nicholas Owen, der bekannteste "Geheimversteck-Bauer" Englands; Frauen wie Anne Line, die in furchtbare, schmerzhafte Tode gingen und dabei die immer noch versteckten Jesuiten und anderen Priester nicht verrieten. 

Gejagt und unter Folter befragt wurden sie gerne von Topcliffe und seinen Priester-Jägern. Und der Weg endete nicht immer, aber oft in Tyburne, wo man nicht elegant starb, sondern gehängt und sofort wieder abgeschnitten und zerstückelt wurde; es war eine seltene Gnade, wenn man vorher bis zum Tod hängen durfte.

Verschiedene Gedanken gehen einem beim Lesen durch den Kopf: keiner dieser Frauen und Männer hätte sterben müssen; ein minimaler, leicht zu rechtfertigender Kompromiss, eine kleine Geste des Dialoges, und sie hätten noch unter dem Galgen sofort die Freiheit gewonnen. Jedem wurde das am Karren angeboten - einfach nur die Königin auch als kirchliches Oberhaupt akzeptieren, das war alles. Der furchtbare Albtraum wäre sofort vorbeigewesen. Sie hätten nach Hause gehen und heimlich, segensreich weiterwirken können. Und doch nahm keiner dieser Vierzig dieses Angebot an. Ein ehrlicher Tod für dem Glauben war offenbar höher angesetzt als weiteres pastorales Wirken, wenn man denn einmal erwischt worden war. Hatten die Vierzig also einfach ein Kommunikationsproblem; eine "schlechte Õffentlichkeitsarbeit"?

Dann die ewig beunruhigende Frage - wie hätte ich reagiert? Wie viele hunderte, tausende Frauen, Männer, Priester, Bischöfe waren damals sofort bereit, diesen Kompromiss als für sich richtig anzunehmen? Und schlüssig zu rechtfertigen?

Und schließlich die entspannte, beruhigende Erkenntnis, dass man ja heute. Im aufgeklärt-toleranten 21. Jahrhundert, sicher nicht mehr in diese Situation kommen kann.

Oder?


PS: Wer sich das wirklich bewegende Büchlein zu Gemüte führen will, sollte sich nicht von den 122 Euro abschrecken lassen, für die es auf amazon.de gebraucht angeboten wird; auf dem englischen Amazon ist es sehr günstig zu bestellen, und anderswo auch.

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