Montag, 17. September 2012

Plädoyer für das Schlussgebet

Mit den Jahren bin ich draufgekommen, was eine meiner Lieblingsstellen in der Messe ist. Eine vielleicht etwas stiefmütterlich behandelte Stelle gegen Ende. Die zuweilen, auch in Büchern über die Eucharistie, ein wenig "unter den Tisch fällt", weil sie zwischen der Kommunion und dem Schlusssegen passiert und wenig spektakulär ist.

Ich spreche vom Schlussgebet des Priesters. Dieses kurze, eher nüchterne Gebet, bevor oft die Ansagen kommen, uns vom Geheimnis der Messe ablenken und über Strickkreise, Vorträge und Kirchenreinigungstermine nachdenken lassen. Manchmal ersetzen Priester es auch gleich durch eine selbstgestaltete Zusammenfassung zum Thema des jeweiligen Gottesdienstes, und leider merken sie nicht, was sie sich und der Gemeinde da entgehen lassen. Denn die Schlussgebete aus dem Messbuch, nicht die selbstgebastelten, haben eine schlichte Wucht und Wesentlichkeit, die man erst entdecken muss.

Das hat auch mit der Stelle zu tun, an der das Schlussgebet kommt. Idealerweise sollten selbst Menschen wie ich, die mit bis zu sechs lebhaften Kindern die Messe eher unkonzentriert erleben, jetzt etwas "wesentlicher gestimmt" sein. Nach dem Empfang der Kommunion und der anschließenden Zeit des Gebets - wenn man sie denn hat und nicht dauernd singen oder einer vorgelesenen Betrachtung über Bergseen lauschen muss - kann man eine Ahnung davon bekommen, was hier eben passiert ist und wen man jetzt mit sich herumträgt. Man "möchte es ab jetzt besser machen", man ist sich vielleicht kurz bewußt, wie unzulänglich man doch selber sein Christsein lebt.

Und genau jetzt kommt das Schlussgebet und fasst für mich in sehr sehr vielen Fällen alles zusammen, was ich Jesus sagen will. In klaren schlichten und endgültigen Worten. Wie zum Beispiel am gestrigen Sonntag:

Schlussgebet
Herr, unser Gott,
wir danken dir,
dass du uns Anteil
am Leib und Blut Christi gegeben hast.
Lass nicht unser eigenes Streben
Macht über uns gewinnen,
sondern gib, dass die Wirkung dieses Sakramentes
unser Leben bestimmt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Nicht eigenes Streben... dass die Wirkung dieses Sakramentes unser Leben bestimmt - genau das würde ich mir wünschen. Auch wenn ich weiß, dass der Alltag kommt und alle solchen Wünsche oft verwehen, genau jetzt wäre das mein größter Wunsch. Und das ist nur eines von vielen, vielen Beispielen, die mich gegen Ende der Messe berühren (wenn ich nicht gerade von meiner jüngsten Tochter abgelenkt werde, die geräuschvoll an mir hochklettert).

Warum sind diese Gebete so gut und wesentlich? Weil sie, wie mir ein Priester einmal erklärte, sehr sehr alt sind und über die Jahrhunderte gewachsen. Die allwissende Wikipedia fasst das (etwas technisch) so zusammen: die Schlussgebete sind "in schriftlicher Form seit dem 7./8. Jahrhundert überliefert, mündlich dürften sie mindestens bis ins 4./5. Jahrhundert zurückgehen. Sie zeichnen sich aus durch eine minimalistisch-klassische Form von klarer Prägnanz und Einprägsamkeit, die auf lange tradierter lateinisch-römischer Rhetorik basiert".

Ecco. Mindestens ins 4./5. Jahrhundert - da hatten Menschen recht lange Zeit, sich Gedanken zu machen, was zu diesem Zeitpunkt wirklich wesentlich ist. Daher meine montägliche Einladung - entdecken Sie das Schlussgebet - in jeder Messe oder zum Beispiel hier auf der Homepage des Benediktinerklosters Beuron. Zur Anregung schließlich noch das vom nächsten Sonntag:

Schlussgebet
Allmächtiger Gott,
du erneuerst uns durch deine Sakramente.
Gewähre uns deine Hilfe
und mache das Werk der Erlösung,
das wir gefeiert haben,
auch in unserem Leben wirksam.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Cool, was?

Kommentare:

  1. "...Zeit des Gebets - wenn man sie denn hat und nicht dauernd singen oder einer vorgelesenen Betrachtung über Bergseen lauschen muss ..."
    So ist es. Der Schatz der eucharistischen Stille will auch neu gehoben werden!

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  2. Diese Gebete sind wirklich schön.

    Da fällt mir aber außerdem auf, dass ich auf Anhieb nicht sagen kann, ob unser Priester nun selbst formuliert oder aus dem Messbuch liest. Chronisch abgelenkt? Schon mit zwei Kindern total überfordert? ;-)
    Schöne Aufgabe für nächsten Sonntag. Wenn o.g. Schlussgebet käme würde ich mich freuen.

    Grüße von Huppicke

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  3. Es gehört zwar nicht direkt hierher, aber trotzdem. Der „Schluss“ ist nämlich wichtig. In der alten Messe gibt es, zur Erinnerung, nach dem Schlussgebet (der postcommunio) die Entlassung mit der Bitte um Annahme des Opfers und dann den Schlusssegen. Aber dann ist es immer noch nicht vorbei: während sich die Leute von den Knien erheben, geht der Priester an die linke Seite des Altars und liest von der Tafel das Schlussevangelium: den Prolog des Johannes.

    Das Schlussevangelium wurde „abgeschafft“, und erstaunlicherweise wurde dies (zusammen mit vielem anderen) z.B. von einer Expertenkommission im Jahr 1951 in Maria Laach vorgeschlagen (Vorschläge, die dann praktisch voll in die nachkonziliäre Liturgiereform eingeflossen sind und vor allem in den 50er Jahren ununterbrochen diskutiert wurden).

    Es hat mich immer gewundert, warum die damals was gegen das Schlussevangelium hatten, ist dieses doch einer tiefsten Texte des NT. Der Gläubige geht nicht einfach nach dem Schluss raus, sondern nach jeder Messe steht er nach dem Opfer neu in der neuen Schöpfung, von der ihm der endgültige Schöpfungsbericht erzählt hat, in die dieser den Gläubigen hinausschickt. Warum sich dieses Bewusstseins berauben? Warum sich des Gedankens berauben, dass die Weltzeit die Zeit zwischen zwei Messen ist? Gewiss: es ist unmöglich, vor einem derartig tiefen Ereignis wie der Lesung jenes Evangeliums Kaffeekränzchen anzukündigen. Vielleicht siegte halt einfach das Bedürfnis nach Quatschen.....

    Zum Schluss noch ein Wort des Papstes zum Prolog des Johannes: „In pricipio erat verbum“:

    „Am Anfang sprach der Himmel. Und so entsteht die Wirklichkeit aus dem Wort, sie ist »creatura Verbi«. Alles wird vom Wort geschaffen, und alles ist dazu gerufen, dem Wort zu dienen. Das bedeutet, daß letztendlich die gesamte Schöpfung dazu bestimmt ist, den Ort der Begegnung zwischen Gott und seinem Geschöpf zu schaffen, einen Ort, wo die Liebe des Geschöpfes auf die göttliche Liebe antwortet, einen Ort, an dem sich die Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Geschöpf entwickelt“ (Meditation von Papst Benedikt XVI. bei der ersten Arbeitssitzung der XII. ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode, 6.10.2008)

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  4. Du hast sehr Recht, diese Schlussgebete sind wunderschön und geben einem einen Denkproviant für den ganzen Tag mit.....ich freu mich oft daran.
    Aber auch das "Tagesgebet "ist oft sehr schön, ganz am Anfang der Hl. Messe eine "Einstimmung".
    AM

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