Donnerstag, 20. September 2012

Zeiten, wenn das Lesen stirbt


Nur ein kurzer Hinweis auf einen langen und wahrhaft bewegenden Artikel im neuen Cicero, über Epochen (wie die unsere), wo etwas unwiderbringlich vergeht - das Lesen, die Literatur, die Fähigkeit, Bücher miteinander sprechen zu lassen.

"Das Ende des Buches und was wir verlieren", von Thomas Hettche,

hier online zu lesen.

 Das passt natürlich alles zu vielen Ideen, die ich in den letzten Wochen hier auf der Habichtsburg ventiliert habe. Ehrlich, ich hatte mehrmals einen Kloß im Hals beim Lesen (speziell bei der Schilderung des 4. und 5. Jahrhunderts). Und dass wir heute keinen längeren Text mehr lesen können, weil uns die Links fehlen.... brrr, mea culpa.

Freue mich über Rückmeldungen.

Montag, 17. September 2012

Plädoyer für das Schlussgebet

Mit den Jahren bin ich draufgekommen, was eine meiner Lieblingsstellen in der Messe ist. Eine vielleicht etwas stiefmütterlich behandelte Stelle gegen Ende. Die zuweilen, auch in Büchern über die Eucharistie, ein wenig "unter den Tisch fällt", weil sie zwischen der Kommunion und dem Schlusssegen passiert und wenig spektakulär ist.

Ich spreche vom Schlussgebet des Priesters. Dieses kurze, eher nüchterne Gebet, bevor oft die Ansagen kommen, uns vom Geheimnis der Messe ablenken und über Strickkreise, Vorträge und Kirchenreinigungstermine nachdenken lassen. Manchmal ersetzen Priester es auch gleich durch eine selbstgestaltete Zusammenfassung zum Thema des jeweiligen Gottesdienstes, und leider merken sie nicht, was sie sich und der Gemeinde da entgehen lassen. Denn die Schlussgebete aus dem Messbuch, nicht die selbstgebastelten, haben eine schlichte Wucht und Wesentlichkeit, die man erst entdecken muss.

Das hat auch mit der Stelle zu tun, an der das Schlussgebet kommt. Idealerweise sollten selbst Menschen wie ich, die mit bis zu sechs lebhaften Kindern die Messe eher unkonzentriert erleben, jetzt etwas "wesentlicher gestimmt" sein. Nach dem Empfang der Kommunion und der anschließenden Zeit des Gebets - wenn man sie denn hat und nicht dauernd singen oder einer vorgelesenen Betrachtung über Bergseen lauschen muss - kann man eine Ahnung davon bekommen, was hier eben passiert ist und wen man jetzt mit sich herumträgt. Man "möchte es ab jetzt besser machen", man ist sich vielleicht kurz bewußt, wie unzulänglich man doch selber sein Christsein lebt.

Und genau jetzt kommt das Schlussgebet und fasst für mich in sehr sehr vielen Fällen alles zusammen, was ich Jesus sagen will. In klaren schlichten und endgültigen Worten. Wie zum Beispiel am gestrigen Sonntag:

Schlussgebet
Herr, unser Gott,
wir danken dir,
dass du uns Anteil
am Leib und Blut Christi gegeben hast.
Lass nicht unser eigenes Streben
Macht über uns gewinnen,
sondern gib, dass die Wirkung dieses Sakramentes
unser Leben bestimmt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Nicht eigenes Streben... dass die Wirkung dieses Sakramentes unser Leben bestimmt - genau das würde ich mir wünschen. Auch wenn ich weiß, dass der Alltag kommt und alle solchen Wünsche oft verwehen, genau jetzt wäre das mein größter Wunsch. Und das ist nur eines von vielen, vielen Beispielen, die mich gegen Ende der Messe berühren (wenn ich nicht gerade von meiner jüngsten Tochter abgelenkt werde, die geräuschvoll an mir hochklettert).

Warum sind diese Gebete so gut und wesentlich? Weil sie, wie mir ein Priester einmal erklärte, sehr sehr alt sind und über die Jahrhunderte gewachsen. Die allwissende Wikipedia fasst das (etwas technisch) so zusammen: die Schlussgebete sind "in schriftlicher Form seit dem 7./8. Jahrhundert überliefert, mündlich dürften sie mindestens bis ins 4./5. Jahrhundert zurückgehen. Sie zeichnen sich aus durch eine minimalistisch-klassische Form von klarer Prägnanz und Einprägsamkeit, die auf lange tradierter lateinisch-römischer Rhetorik basiert".

Ecco. Mindestens ins 4./5. Jahrhundert - da hatten Menschen recht lange Zeit, sich Gedanken zu machen, was zu diesem Zeitpunkt wirklich wesentlich ist. Daher meine montägliche Einladung - entdecken Sie das Schlussgebet - in jeder Messe oder zum Beispiel hier auf der Homepage des Benediktinerklosters Beuron. Zur Anregung schließlich noch das vom nächsten Sonntag:

Schlussgebet
Allmächtiger Gott,
du erneuerst uns durch deine Sakramente.
Gewähre uns deine Hilfe
und mache das Werk der Erlösung,
das wir gefeiert haben,
auch in unserem Leben wirksam.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Cool, was?

Freitag, 14. September 2012

Mühsam: Märtyrer sein

Ein Märtyrer sein war vermutlich nie einfach. Das Wort hat durch jüngste Entwicklungen zudem einen unguten Beigeschmack bekommen. Was es besonders mühsam macht, ist, daß man ja nicht in allen Fällen die Befriedigung hat, wirklich für seinen Glauben zu sterben. Zumindest für die Umgebung nicht. Die Christen im alten Rom beispielsweise starben für etwas, was ihnen sehr wichtig war, von der Umgebung aber oft missverstanden wurde, etwa als „Hass gegen das Menschengeschlecht“ (odium humani generis, Tacitus).

Da kann man sich schnell fragen: ist es überhaupt ein Zeugnis, vor Menschen zu sterben, die gar nicht begreifen, worauf es einem ankommt? Ist es sinnvoll, für etwas in den Tod zu gehen, was andere kulturbedingt missverstehen? Ja, hätten die frühen Christen mit ein paar kleinen Kompromissen nicht ein viel klareres Zeugnis ablegen können? Indem sie überlebten und schließlich in ein Gespräch mit der "Welt von damals" kommen konnten? Aber: Warum sagt die Kirche auch heute noch, dass sie "aus dem Blut der Märtyrer gewachsen ist"?

Die Frage scheint zeitlos aktuell zu sein. Wir sind in keinster Weise in einer Verfolgung, jeder kann frei sagen, was er denkt, so frei und in so vielen Medien wie noch nie. Doch... sage ich meine unpopuläre (katholische) Meinung, etwa auf Twitter, auch dann, wenn alle sich gerade auf etwas einschießen und es zutiefst uncool wäre?

Nächste Frage: wie würde ich mich verhalten, wenn es (rein hypothetisch) irgendwann strafbar wäre, gewisse Positionen etwa zum Thema Ehe und Familie öffentlich zu äußern? Wäre ich bereit, für so etwas ins Gefängnis zu gehen? Besonders, wenn die Umgebung nur glaubt, dass ich verbohrt bin? Oder angenommen, über den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte würde erstritten, dass die Kirche einem verheirateten Mann den Beruf des Priesters nicht verweigern darf: Würde ein Bischof dann in Kauf nehmen, für so etwas wie das Festhalten am Zölibat vom Gesetz bestraft zu werden?

Man muss nicht alles gleich Martyrium nennen. Aber solche Fragen traten schon immer an Christen heran und werden es in Zukunft, vielleicht vermehrt, tun. Und die Entscheidung ist fast immer alles andere als klar...

Sonntag, 2. September 2012

"Für viele"! Einfach so.

Heute habe ich es zum ersten Mal erlebt. Ich war in einer Messe in einer österreichischen Kirche (ich sage nicht wo!) und habe einen Priester zum ersten mal bei der Wandlung "für viele" sagen hören. Einfach so.

Und es war weder ein "Fundi" noch ein besonders alter Herr, nein, er warnte in der Predigt sogar vor den "Traditionalisten", die sich an Äußerem aufhängen würden wie die Pharisäer im Sonntagsevangelium.

Und dann sagte er "mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird." Einfach so.

Ich muss offen gestehen, es hat mich ziemlich "gerissen". Ich habe auch keine Ahnung, ob er das "darf"? Ist das erlaubt? Ich werde mich baldmöglichst erkundigen.

Und was meinen meine Leser?