Freitag, 31. August 2012

Georg Büchners Humor

Dies ist ein kleines Streiflicht aus meinem derzeitigen Georg-Büchner-Marathon, den ich, die wackere dtv klassik-Ausgabe in der Hand, in ruhigen Momenten restlos genieße. Denn ich liebe Georg Büchner. Sehr sogar. So sehr, dass von mir im nächsten Frühjahr ein büchnerianisches Romänchen erscheinen wird, im C. H. Beck Verlag. Ich halte ihn für ein wirkliches Genie, einen der wenigen deutschen Autoren, die mich schon als Schüler sprachlos machten (ist bei mir was besonderes). Und alle paar Jahre entdecke ich Georg B. neu und lese ihn anders.

Aber darum geht es heute nicht. Woran ich regelmäßig scheitere, ist sein Humor. Büchner ist für mich am besten, wenn er ernst ist, im Danton ebenso wie im Lenz. Über die Scherze im Woyzek kann ich meistens lachen, jedes Mal aber scheitere ich am Witz von Leonce und Lena, einer oft absätzelangen Aneinanderreihung von lahmen Wortspielen. SUPERlahmen Wortspielen, vor allem zwischen Leonce und Valerio. Jaja, ich weiß, das soll auch parodistisch sein, die Geistesergüsse der ewig gelangweilten Adligen etc; und natürlich, dahinter stehen so viele Zitate und verwendete und angespielte Quellen, dass einem schwindelig werden kann; 20 berühmte Autoren von Goethe und Chamisso über Kant bis Tieck und vor allem Shakespeare wurden mit mindestens doppelt so vielen Werken bisher identifiziert.

Geistreich, ja; witzig? Ein paar Kostproben gefällig?


Valerio: Himmel, man kömmt leichter zu seiner Erzeugung, als zu seiner Erziehung. Es ist traurig, in welche Umstände Einen andere Umstände versetzen können! Was für Wochen hab' ich erlebt, seit meine Mutter in die Wochen kam! Wieviel Gutes hab' ich empfangen, das ich meiner Empfängniß zu danken hätte?

Leonce Was deine Empfänglichkeit betrifft, so könnte sie es nicht besser treffen, um getroffen zu werden. Drück dich besser aus, oder du sollst den unangenehmsten Eindruck von meinem Nachdruck haben.

(...)

Leonce Mensch, du besitzest eine himmlische Unverschämtheit. Ich fühle ein gewisses Bedürfniß, mich in nähere Berührung mit ihr zu setzen. Ich habe eine große Passion dich zu prügeln.

Valerio Das ist eine schlagende Antwort und ein triftiger Beweis.

Leonce (geht auf ihn los) Oder du bist eine geschlagene Antwort. Denn du bekommst Prügel für deine Antwort.


Geschlagene Antwort? Hmmm. Oder hier:

Valerio: Und Sie Prinz, sind ein Buch ohne Buchstaben, mit nichts als Gedankenstrichen. Kommen Sie jetzt meine Herren! Es ist eine traurige Sache um das Wort kommen, will man ein Einkommen, so muß man stehlen, an ein Aufkommen ist nicht zu denken, als wenn man sich hängen läßt, ein Unterkommen findet man erst, wenn man begraben wird, und ein Auskommen hat man jeden Augenblick mit seinem Witz, wenn man nichts mehr zu sagen weiß, wie ich zum Beispiel eben, und Sie, ehe Sie noch etwas gesagt haben. Ihr Abkommen haben Sie gefunden und Ihr Fortkommen werden Sie jetzt zu suchen ersucht..

Argh! Ähnliche Schmuckstücke finden sich übrigens in Dantons Tod, OK, nur eines:

Weib. Ach, er ist sonst ein braver Mann, er kann nur nicht viel vertragen; der Schnaps stellt ihm gleich ein Bein.

Zweiter Bürger. Dann geht er mit dreien.

Weib. Nein, er fällt.

Zweiter Bürger. Richtig, erst geht er mit dreien, und dann fällt er auf das dritte, bis das dritte selbst wieder fällt.

Hä? Natürlich sind das Anspielungen der Zeit, aber leider für uns nicht witzig. Weiter hinten kommt dann die Stelle, die mich an Danton immer schon am meisten genervt hat, die erotisch-gebildete Geplänkelei ab Lacroix. Was ist der Unterschied zwischen dem antiken und einem modernen Adonis..? Aber lassen wir das.

Büchner konnte natürlich sehr komisch sein, auch für unsere Begriffe; seine Zeitgenossen fanden solche Wortspiele wie oben vermutlich phantastisch. Was seine Nachrufe erahnen lassen, wo immer wieder der "Witz und die Schärfe" von Leonce und Lena gepriesen werden. Und manche Leser dieses Blogs werden sich jetzt sicher immer noch vor Lachen am Boden rollen über die Zitate... vielleicht check ich's nur nicht?

Was ist also die Moral von der Geschicht'? Wieder können wir die Demut lernen: erst in der Lektüre von Klassikern erahnen wir, wie ähnlich uns der Mensch vor 200, 500, 1500 Jahren ist - und daß wir auch immer an Grenzen stoßen. Der Mensch, das animal risibile par Excellence, kann manchmal über die Witze seiner Vorfahren lachen - und manchmal gar nicht.

Montag, 27. August 2012

Freuden der kinderreichen Familie

...wenn die neunjährige Tochter Magengrippe hat und das Roulette beginnt: erst eins, dann zwei, dann drei, dann...?

...wenn man nachts drauf der dreijährigen Tochter den Kopf stützen darf, weil sie sich erbrechen muss...

...wenn man der dreijährigen Tochter um halb fünf erklären muss, warum sie sich wieder erbrechen muss...

...wenn sie einem danach tapfer zulächelt und mit krächzender Stimme Gute Nacht wünscht und ein Kreuzerl auf die Stirne macht...

(...während man sich fragt, wer morgen dran ist? oder welcher ELTERNteil..?)

...wenn man auf Ö3 die durchschnittlichen Preise für Schuleinkäufe hört und sich erinnert, dass man den für FÜNF Kinder machen muss (seufz)...

...wenn man aber dann wieder abends mit sechs prachtvollen, wieder halbwegs gesunden Kindern um den Tisch beim Essen sitzt und nicht fassen kann, was man da Unglaubliches geschenkt bekommen hat...

...dann ist man dankbar, dass man kinderreich ist.

Montag, 20. August 2012

Rosenkranz in der Landschaft


In fast jedem Bezirk im Waldviertel und vermutlich überall anders am Lande auch gibt es Orte, an denen der Legende nach die Heilige Familie auf der Flucht geruht hat, oder die Gottesmutter bzw. ein Heiliger durchgekommen sein sollen. Wir spüren ein Bedürfnis nach Greifbarmachung, Vergegenwärtigung der Geschichten des Glaubens direkt in unsere Umgebung.


Und: Der Heilige Dominikus verwendete auf seinen langen Reisen die Landschaft, die er durchquerte, als Auslöser für Betrachtung, dauerndes Gebet und Gotteslob, woran Papst Benedikt eben wieder am 8. August erinnert hat.


Aus diesen beiden Gedanken habe ich den Landschaftsrosenkranz kombiniert, den ich versuche, zumindest ab und zu auf meinem Arbeitsweg einzubauen. Während ich also z. B. das Gesätz bete „den du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast“, versuche ich, mir Maria am Weg zu Elisabeth vorzustellen, und zwar in jener Landschaft, die ich gerade aus dem Fenster sehe. Auf dem Hügel da drüben. An der Landstraße dort. Das reduziert die Ablenkung beim Gebet und macht den Arbeitsweg nach und nach zu einem Ort, in dem meine Heilsgeschichte sich ereignet. Legitim ist das sicher, denn Menschwerdung muss immer in meiner Welt stattfinden.


Die Herausforderung an die Fantasie ist in einer Plattenbausiedlung oder einer U-Bahn sicher größer als in Wald- und Weinviertel; und einige Gesätze des Rosenkranzes passen besser in die Landschaft als andere; aber ein Motivationsschub ist mit diesem „Kniff“ eigentlich immer dabei, und wenn es nur ist, dass ein bestimmter Hügel mich daran erinnert, dass hier „Maria zu Elisabeth gegangen“ ist und ich mal wieder meinen Rosenkranz auspacken sollte.

Samstag, 18. August 2012

Der große Riss


Schon der große Sokrates war in seiner Apologie der Meinung, dass die Jugend keine Kultur und Erziehung mehr habe und dass früher alles anders gewesen sei. Irgendwie besser. Vermutlich gehört es einfach zum Menschsein dazu, dass wir ab einem gewissen Alter kopfschüttelnd um uns blicken und die Welt nicht mehr begreifen. Das war wohl immer schon so, in jeder Generation.

Nur, dass dieses Alter bei mir schon mit 45 kommt, wundert mich doch.

Und trotzdem glaube ich, dass heute wirklich alles anders ist. Ehrlich. Sicher, es gab immer wieder mal Zeiten, wo die Geschichte von 30 km/h auf zuckelnder Landstrasse in den 5. Gang auf der Autobahn geschaltet hat, dass es den Zeitgenossen nachgerade schwindelig geworden ist  - sehr schön nachzulesen in Texten aus dem frühen 19. Jahrhundert, zwischen der Einführung der Eisenbahn und der industriellen Revolution. Aber so wie heute war es, glaube ich, noch nie. Zumindest in unserer westlichen Welt. Was das schwindelerregende Tempo, die mediale Dauerbeschallung mit dem Menschen anstellt, das werden wir vielleicht erst in ein paar Jahrzehnten ermessen können. Aber da sind noch andere Zeichen.

Ich finde nichts peinlicher, als mit Nostalgie zu erzählen, wie die Welt vor 1980 aussah, aber eine Geschichte zum Tempo muss ich doch loswerden. Ich las als Schüler einmal in der "Bild", dass es in Indonesien noch Drachen gäbe, die sogar zuweilen Menschen fräßen. Und wollte natürlich mehr wissen. Wo hätte ich damals, das war in den sehr frühen 80ern, als Schüler was erfahren können? Anrufen bei der "Bild" war undenkbar, in eine Bibliothek kam man nur mit einem Ausweis rein, und das waren fremde und unheimliche Orte, wo einem keiner half. Da fiel meiner Mutter ein, dass ich einen Onkel hatte, der als Missionar nach Indonesien gegangen war. Dem schrieb ich einen Brief. Nach Monaten kam eine Antwort vor ihm, mit exotischen Briefmarken und auf blauem Papier maschinengeschrieben. Der erklärte mir dann sehr kompetent die Sache mit den Komodowaranen.

Heute wäre das eine Sache von wenigen Sekunden. Google - Drachen - Indonesien - und schon hätte ich den Wikipedia-Artikel über die Warane und Links auf Videos derselben beim Fressen. Und Links zu den beiden Horrorfilmen über solche Warane wären gleich darunter.

Nun wird man erwidern: aber das ist ja toll. Totale Information bedeutet totale Freiheit, reduziert die Manipulierbarkeit. Sicher. Sicher. Aber es trägt auch dazu bei, den Riss zu vergrößern.

Ein Bild: ich glaube, dass sich um 1968 ein Riss aufgetan hat, der sich seitdem wie eine tiefe Erdspalte an einer Verwerfungslinie immer weiter öffnet und die gegenüberliegende Klippe, die Menschheitsgeschichte der letzten 100.000 Jahre bis 1968, immer mehr im fernen und uninteressanten Nebel verschwinden lässt. Der Mensch, so fühlt es sich an, ist endlich erwachsen geworden. Hat seine Kindheit hinter sich gelassen. Vor 1968, ja vor jetzt, das ist in der Wahrnehmung der Menschen von heute eigentlich alles finsteres Mittelalter. Ohne Bedeutung für uns. Da gab es keine Handys, kein Internet, keine Reisefreiheit, da waren Frauen Hausmütterchen, alle hatten zehn Kinder und die Menschen waren abergläubisch und schlichtweg dumm

Was zählt, ist das Jetzt, der Konsum, der Alltag. Dem Gestern wendet man total die Schultern zu.

Auweh, klingt das aber reaktionär. Früher war alles besser? Kann ich dieses Altherrengejammere irgendwie festmachen? Ja, aber nur vage. Wie ich schon anderswo sagte: In der Schule liest man in Deutsch kaum noch Klassiker (ausser jenen zeitlosen Werken, die nach 1945 geschrieben wurden). Man scheint zu glauben, alles davor sei für einen Menschen von heute schlichtweg unnötig, allerhöchstens nettes Beiwerk, ein Luxus. Latein, das früher jeder Schüler zumindest in Ansätzen lernte, gibt es schon gar nicht mehr, und damit auch die Möglichkeit nicht, eine Beziehung zum Denken von Menschen vor 2000 Jahren herzustellen, sich selbst in einer Kontuinuität mit anderen Epochen zu erkennen, oder eine Inschrift in einer Kirche oder an einem Triumphbogen selber lesen zu können.

Sicher gab es immer schon Phasen, wo die Menschen wenig an ihrer Vergangenheit interessiert waren, aber im Schulfach Geschichte kam es mir bereits in meiner Jugend so vor, als lerne man eigentlich kaum noch was und wenn, dann nur das die Zeit von 1933-1945. Heute scheint das noch bruchhafter zu sein. Wer aber nicht weiss, woher er kommt, der wird den Herausforderungen der Gegenwart schlechter gerüstet gegenübertreten, der wird die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Und es wird ihm an Demut mangeln. Deshalb fürchte ich mich vor einem Menschen, der ohne irgendwelche Wurzeln im Gestern und mit der Arroganz des Heute nur nach vorne schaut. Wenn das konservativ ist, dann stehe ich dazu.

Ein kleines, aber bestätigendes Symptom: heutige Kinogeher haben kein Interesse mehr, die "Klasssiker" ihres Genres zu kennen, zeigte ein cleverer Artikel der L. A. Times vor wenigen Tagen. Es zählt nur der gerade aktuelle Film, alles, was älter als drei Wochen ist, ist von gestern. Mit Desintresse wird alles davor gestraft, und zwar nicht nur Fritz Lang oder Citizen Kane, nein, auch Spielberg und Der Pate und Scorsese etc. Das war vor wenigen Jahren noch anders. Es gehörte zur Passion, die Filmgeschichte gekannt zu haben...

Na? Naaa? Da? Sehen Sie die Symptome???

Schon gut, vielleicht war es ja in jeder Generation so. Und vielleicht sind meine Befürchtungen wahr und das alles ist von einer anderen Qualität, wirklich neu. Möglicherweise stimmt auch beides. Ich schließe mit einem Zitat des weit blickenden Gomez Davila, der einmal mit feinem Humor sinngemäß sagte: Die vornehmlichste Aufgabe der Historiker sei es, jede Generation darin zu bestärken, dass mit ihr die Weltgeschichte beginne.

Gegenwärtig gelingt ihnen das besonders gut.

Montag, 13. August 2012

Wie schreibt man Thukydides?

Eine kleine Leseempfehlung für einen Atheisten heute. Wer den Literatur und Reise-Blog von Dr. Christian Köllerer noch nicht kennt -  und wer mit seinen gelegentlichen bösen Seitenhieben auf religiöse Themen leben kann...

...der wird hier einen passionierten Anwalt für Klassiker finden, einen Mann, der mit Goethe in der U-Bahn sitzt und das auch sehr unterhaltend auf Twitter ( @philoponus ) vermittelt. Denn wer ausser einem echten Passionierten könnte folgende Worte über den "Kanon" der Literatur im Allgemeinen schreiben?

 
"Man kann über den “Kanon” sagen, was man will: Meiner Leseerfahrung nach sind Bücher, die seit Jahrhunderten (von längeren Zeiträumen nicht zu reden) die unterschiedlichsten Leser faszinierten, gewinnbringender als zahlreiche andere Druckerzeugnisse. Keine finstere Verschwörung ist die Ursache dafür, dass Homer oder Herodot oder Platon oder Plutarch oder Augustinus (…) immer wieder passionierte Leser fanden und finden, sondern die erstaunliche Qualität und Aktualität ihrer Werke."

Und dann plädiert Köllerer einfach so für die Lektüre von Thukydides' Peloponnesischem Krieg. Es ist heutzutage schon mutig, einen dicken griechischen Klassiker zu lesen und dann über social media noch für seine brennende Aktualität zu plädieren; aber das ist Köllerers Linie, siehe etwa April 2011; da schrieb er einen Post, der wie ein seriöserer großer Bruder zu meinem "Klassiker sind von gestern" wirkt: "Soll man noch Klassiker lesen?"

Er hat mir jedenfalls Lust gemacht, Thukydides zu lesen - wie alle "Menschen von gestern" habe ich das Reclam-Heft natürlich noch irgendwo im Regal stehen. Ich finde alle Menschen, die so etwas heute von sich geben, unterstützenswert.

Auch wenn wir in Sachen Gott vermutlich getrennte Wege gehen...

Samstag, 11. August 2012

Gebratene Fische am Seeufer

 
Heute ist der 11. August. In genau 2 Monaten beginnt das "Jahr des Glaubens 2012/2013"... Acht Wochen, um sich innerlich einzustimmern auf eine Zeit, wo wir uns über unseren Glauben im Klaren werden sollen. Und über das Zentrum dessen, was wir glauben. Hier meine persönliche Einstimmung...

Psst! Glauben Sie, dass Jesus von den Toten erstanden ist? Also, so ganz richtig? So, wie es im Evangelium steht? Dann sind Sie unter Katholiken in kleiner Gesellschaft, zumindest im deutschsprachigen Raum. Ein geschätztes Viertel glaubt an die leibliche Auferstehung Jesu. Es ist ja in unserer zunehmend skeptischen Zeit sowieso schwer geworden, überhaupt noch an Übernatürliches zu glauben, niemand hat so was wie eine Auferstehung schon mal erlebt, und jemand, der glaubt: das Grab war leer, er ist wahrhaft auferstanden! der hat schon einen schweren Stand.

Hinter der Frage steht für mich eigentlich eine andere: Glaube ich, dass es einen Gott gibt? Einen mächtigen Gott, dem die Menschen etwas bedeuten? Oder glaube ich das nicht? Wenn ich es glaube, ist die ganze Angelegenheit mit Jesus nicht mehr so un-glaublich. Wenn ich es nicht glaube, dann kann es gar nicht stimmen, also muss ich mir Theorien ausdenken, warum die Evangelien es trotzdem behaupten.

Man sagt also einfach, die Evangelien sind so eeelend lang nach den Ereignissen geschrieben worden, da mögen sie vielleicht sogar dies und das über den echten Jesus berichten; aber alles, was sie über Wunder oder gar die Auferstehung sagen, das kann aus unserem Erfahrungshorizont heraus ja gar nicht sein, also sind das spätere Einschübe, Erfindungen des 2. Jahrhunderts, Manipulationen oder eben bedingt durch irgendwelche literarische Gattungen. Jedenfalls so nicht wahr. Beispiel Brotvermehrung: naja, er hat die 5000 Menschen zum Teilen gebracht, das ist eh ein viel größeres Wunder, als irgendein Hokus Pokus. Der kam erst später dazu.

Das Problem bei solchen „Erklärungsmodellen“ - zurück bleibt beim Zuhörer die Erkenntnis: aha, ich kann den Evangelien offenbar nicht so richtig trauen; es ist eben anders, als ich bisher gedacht habe. Und der nächste Schritt ist dann nicht sehr schwer: wenn das mit den Wundern schon alles anders war, wer weiss, ob das mit der Auferstehung überhaupt stimmt. Und: warum soll ich dann überhaupt noch irgendwas glauben?


Bei der Auferstehung selber wird das Evangelium dann auch gerne in zwei geteilt: alles bis zum Tod, das kann ja noch halbwegs so passiert sein; doch das sogenannte "Nachösterliche", alles ab dem Ostermorgen, das ist praktisch nur wirres Gefasle, die Jünger haben stammelnd versucht, etwas in Bilder zu gießen, was sie selber erfahren haben, man aber gar nicht beschreiben kann. Dabei stimmt das ja gar nicht: die Autoren, die Worte, die Sätze sind vor und nach dem Tod Jesu die gleichen. Bei allen chaotischen Ereignissen der Tage nach der Auferstehung zeigen viele Details: die Evangelisten versuchen immer noch genau zu beschreiben, was wirklich passiert ist. Entweder hat Jesus am Seeufer Fische gebraten und mit seinen Jüngern gegessen - oder nicht. Mir spuken eigentlich dieses Fische und ihr Bratenduft am meisten im Kopf herum: Warum insistieren die Evangelisten, dass Jesus bei praktisch jeder Erscheinung nach Essen verlangt hat? Ist das dekoratives Beiwerk? Oder nicht doch die Beschreibung eines echten Erlebnisses? Oder als der Auferstandene Thomas aufgefordert hat, ihn zu berühren? Was hätte ein Betrachter bei dieser Szene wahrgenommen?

Ich versuche nicht, geistreich zu sein. Es geht hier meiner Meinung nach „ums Ganze“, gerade im anbrechenden Jahr des Glaubens. Wir sind nun mal eine Religion, die sich auf Gedeih und Verderb an ein historisches Ereignis geknüpft hat. Wenn die Auferstehung ernsthaft in Frage gestellt wird, ist alles rund um Jesus nett, aber ohne Bedeutung für mein Leben. Oder wie Paulus gesagt hat: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“ (1. Korintherbrief, Kap 15) 

Im Endeffekt läuft es auf eine Entscheidung heraus. Glaube ich es - oder nicht? Wenn man sich tiefer und länger mit den Evangelien befasst, versucht, sie wirklich mit offenen Augen und frischem Blick anzusehen, dann wird man zu dem Schluss kommen, dass sie wirklich nicht wie manipulierte Märchenerzählungen klingen; dass die Autoren auf eine sehr nüchterne, manchmal frustrierend sprunghafte und karge Weise sich offenbar wirklich bemühen, das zu beschreiben, was passiert ist – und zwar sowohl vor als auch nach der Auferstehung. Die Zeugen, die Sprache, die Details sind dieselben.

Natürlich ist das nicht der einzige Grund, warum ich an die Auferstehung glaube, natürlich kann man sie auch nicht beweisen – aber so total unwahrscheinlich ist es nicht, dass das alles so ungefähr passiert ist, wie es in den Evangelien steht.

Und das ist ja schon was.


PS: Hier das versprochene Buch aus einem der letzten Einträge. Ich lese jede Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern Gelitten unter Pontius Pilatus? von Vittorio Messori (leider ziemlich vergriffen). Messori prüft Kapitel für Kapitel die Leidensgeschichte Jesu auf historische Wahrheit. Ein Augenöffner, wenn man erst einmal sieht, wie viele, viele kleine Details in allen Evangelien, sogar in dem oft misstrauisch beäugten Johannesevangelium, auf große zeitliche Nähe zu den Ereignissen hindeuten.

Donnerstag, 9. August 2012

Ganz was anderes: Gespenstergeschichten

Weil doch Sommer ist und Leseempfehlungen da besonders erwünscht sind, hier ein paar Worte zu meinem Lieblings-Geistergeschichten-Schreiber. M. R. James war Mittelalterforscher in Cambridge und lebte bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, und er hat (nebenbei) einen ganzen Haufen sehr niveauvoller Geistergeschichten geschrieben. Gesammelt sind sie in den Büchern Ghost Stories of an Antiquary 1904, More Ghost Stories 1911, A Thin Ghost and Others 1919, und A Warning to the Curious and Other Ghost Stories 1925.

Warum mag ich seine Geschichten so? Sie sind unendlich englisch, spielen oft rund um alte normannische Kirchen in abgelegenen Dörfchen in Suffolk; man riecht geradezu die Kühle und den Steingeruch der Kirchenschiffe und sieht die Bienen träge durch die Büsche am Friedhof summen, oder hört den Wind durch die verkrüppelten Kiefern an der Küste pfeifen. Oft geht es um antike Folianten und archäologische Rätsel, gerne mischt James auch eine Portion alte heidnische Religion hinein. Man spürt seine Expertise als Gelehrter, es sind zivilisierte Geschichten, zurückhaltende, James ist ein Meister der Andeutung, zugleich durchweht alles ein sehr feiner Humor.


Und dann sind sie natürlich wirklich unheimlich, denn wenn es nach einem sehr langsamen Aufbau (in der Filmbranche nennt man das „slow burn“) endlich zur Konfrontation mit dem Spuk kommt, dann zögert James nicht, einen wirklich zu erschrecken, gibt gerade genug Andeutungen und sagt andere Dinge absichtlich nicht, um einem einen eisigen Schauder einzujagen. Und fast immer gibt es ein oder zwei Details, die man lange nicht vergisst.


Wer M. R. James entdecken will, kann ihn als Buch kaufen; er kann aber auch alle seine Geschichten online herunterladen, bei Gutenberg

http://www.gutenberg.org/browse/authors/j#a2768


Und er kann, wenn ich jetzt noch eine Empfehlung aussprechen darf, ein LibriVox-Hörbuch von M. R. James herunterladen, auf den MP3-Player oder das Handy. Zum Hören auf langen Ferien-Autofahrten.

http://librivox.org/ghost-stories-of-an-antiquary-by-m-r-james/

LibriVox ist eine Initiative, möglichst viel (klassische) Literatur in kostenloser Hörbuchform im Internet zur Verfügung zu stellen, getragen durch Freiwillige, die natürlich nicht alle gleich gut lesen – aber die Initiative ist unbedingt unterstützenswert.

Samstag, 4. August 2012

Wenn der Boden wegkippt

Neulich fuhr ich durch Wagram am Wagram, ein kleines langgezogenes Dorf an der Bahnlinie Krems-Wien; es schlängelt sich so von den Weinberghöhen herunter. Am Bahnübergang musste ich warten, und weil ich Zeit hatte, schlug ich den "Dehio" auf, den ich eigentlich immer dabei habe. Das ist so ein echter Ziegel von einem Buch, 1500 Seiten und trotzdem Taschenbuchformat, eine Art Baedeker für JEDES Dorf in Niederösterreich nördlich der Donau. Unerlässlich für jeden Niederösterreicher, finde ich. Da steht dann was über die Dorfgeschichte und die älteren Häuser und die Flurdenkmäler - zumeist nur ein paar wenige Zeilen, so auch im Fall von Wagram..

Und so unschuldige Sätze wie: „Funde aus dem Aurignacien, dem frühen und mittleren Neolithikum, der Urnenfelderzeit usw...." Schau schau, dachte ich mir, dieses unscheinbare Dorf ist doch schon recht lange besiedelt...

Bis ich am Abend in der Einleitung des Dehio nachblätterte, um dieses Aurignacien zeitlich einzuordnen. Und ziemlich still wurde. Die älteste Schrift der Welt stammt aus Ägypten und Mesopotamien, ca. 3000 v. Chr. Nach Griechenland kam sie 800 v. Chr., nach Rom 500 v. Chr. Zu uns über die Alpen 15 n. Chr. Und das Aurignacien, die Zeit, seit der Wagram am Wagram mit kleinen Unterbrechungen besiedelt war, ist vor ca. 40.000 bis 31.000 Jahren angesiedelt.

Das ist so ein Moment, wo der feste Boden unter den Füßen plötzlich zu so etwas wie einem gläsernen, gähnenden Lift in die finsterste Urzeit wird, einem nicht enden wollenden Schacht nach unten. 2000 Jahre, zur Zeit Christi, das kann man sich noch irgendwie vorstellen. Und dann jenseits der Zeitenwende nochmals 3000 Jahre zurück, dann sind wir in etwa bei der ältesten Schrift. Vor 5.000 Jahren also. Und dann noch mal gute 30.000 Jahre zurück. Dreißigtausend! Und da haben schon Menschen in Wagram gelebt und von den Hügeln runtergeschaut und sich über das milde Klima gefreut. Und es dauerte noch mal gute 10.000 Jahre, bis einige Kilometer weit weg in Willendorf jemand diese gewisse rundliche Figur verlor, Sie wissen schon....

Wenn ich nur anfange, mir die Zahl der Generationen, der gesamten, abgeschlossenen Menschenleben VOR der Erfindung der Schrift vorzustellen, dann wird mir schwindelig. Solche Gedankenexperimente machen wir viel zu selten, denn sonst wären wir ein wenig demütiger mit all unseren selbstsicheren Gewissheiten des 21. Jahrhunderts.

Denn: ist irgend eines dieser tausenden von Lebensalter in irgendeiner Weise weniger voll, weniger wert als das meine gewesen?


Manchmal braucht man gar nicht weit vor die Haustüre zu treten, um die Grenzen des Denkens zu berühren.

Donnerstag, 2. August 2012

Ich bin in Ja! Kirchenzeitung


Zunächst eine Klarstellung zum Blog Habichtsburg: wie der Titel meines Blogs verkündet, sind das hier meine privaten Meinungen - es spricht Eduard Habsburg und nicht der Medienreferent des Bischofs. Pater Udo Fischer aus Paudorf, mit seiner Ja! Kirchenzeitung eine echte Institution unserer Diözese, hat nicht nur meinen Blog gelesen, sondern mich für würdig befunden, in der neuesten Ja! gleich zwei meiner Posts zu erwähnen, den über konservative Bischöfe und meinen Konzilstexte-Kommentar.


http://www.ja-kirchenzeitung.at/32/info.html#link1




Ich finde mich im Wesentlichen fair wiedergegeben, aber das erstaunt nicht - Pater Udo ist zwar manchmal polemisch, aber eigentlich immer fair. Er ist der Meinung, mein Beitrag über die Angst vor konservativen Bischöfen enthalte "Ernüchterndes (...), das weder Rom noch seinen Brotgeber zu amüsieren vermag." Nun, ich bin der Meinung, dass eine Entkrampfung der Diskussion über konservative Bischöfe in Österreich sehr wohl zu einem besseren Klima beiträgt, und das ist sicher im Sinne beider oben genannten.




Daß ein Bischof ein "armes Schwein" ist... dazu stehe ich und würde nicht tauschen wollen. Was ein Bischof heute leisten muss, während von allen Seiten Druck und Erwartungen auf ihm lasten, das ist (ohne ein sehr intensives Gebetsleben) vermutlich kaum zu schaffen. Allerdings habe ich nach mehreren Rückmeldungen die Formulierung der "armen Bischofs-Schweine" schon vor einigen Tagen umgeschrieben, weil das, aus dem Kontext genommen, völlig missverstanden werden kann. Ich habe einen tiefen Respekt vor allen Bischöfen, aus den oben genannten Gründen.




Wenn ich schreibe, "dass (ich) die Konzilstexte „noch nie“ gelesen habe" - sollte ich vielleicht präzisieren: ja, ich hatte hier und da Teile gelesen... aber ich hatte mich noch nie hingesetzt und sorgfältig alle durchgelesen. Wenn man nicht Theologie studiert hat, ist das vielleicht (in meiner Generation) weiter verbreitet, als man glaubt. Und dass manches in den Formulierungen einzelner Konzilstexte heutigen Ohren ein wenig redundant, aus einer anderen Zeit stammend klingt, dafür wird man, glaube ich, kein Schreiben von der Glaubenskongregation bekommen...