Samstag, 7. Juli 2012

Spoiler!


 
SPOILER!

Manchmal können die seriösen Disziplinen etwas vom Internet lernen. Und das ist ganz besonders der Fall im Bereich der Spoiler, d. h. des Verratens von Informationen, zumeist über einen Film, bei deren vorzeitiger Kenntnis der Film nicht mehr (ganz) genossen werden kann. Es gibt eben Filme, da hängt sehr viel von der Spannung und dem Genuß im Kino davon ab, ob man im Vornerein weiß oder nicht, daß der Protagonist nach der Hälfte stirbt, in
Wirklichkeit ein Geist oder eine Frau ist. Das Internet geht sehr streng mit Spoiler-Verrätern um , bannt sie sogar von Diskussionsforen - oder umgeht das Problem, indem es sich in Spoiler- und Spoilerfree-Foren einteilt. Wer erstere betritt, muß damit rechnen, daß darin über alles diskutiert wird -
auch und gerade über schockierende Wendungen oder "Twists". Oder wenn ein Rezensent eine Schlüsselentwicklung dieser Art verrät, hat er den Anstand, vorzuwarnen, also etwa (fiktives Beispiel): "Gegen Ende von Für eine Handvoll Dollar wird der Film auf den Kopf gestellt, als wir erfahren, dass der von Eastwood dargestellte Mann ohne Namen...

SPOILER!

...In Wirklichkeit eine Frau ist!

SPOILER ENDE!"

So kann jeder die Passage überspringen und dennoch die Rezension genießen.

Ich persönlich hätte niemals A BEAUTIFUL MIND, SHUTTER ISLAND oder INCEPTION sehen wollen, wenn ich im Vorneherein gewußt hätte, was der Twist des Films ist,
über den man nachher stundenlang mit Freunden diskutieren kann. Und nein, keiner dieser drei letztgenannten Filme kommt in den vorher aufgezählten Spoilern  vor - ich versuche gewissermaßen, diesen Artikel
spoilerfree zu halten.

IN ZEITUNGEN...

Wer sich aber leider oft über die Spoiler-regeln erhaben fühlt, das sind die seriöseren Wissenschaften. Das sind einerseits die Filmrezensenten der Zeitungen hierzulande, zu denen es sich
noch nicht herumgesprochen hat, daß eine gute Rezension auf den Film gespannt machen soll, ohne wesentliche Twists oder gar das Ende einfach in einem gelangweilten Nebensatz zu verraten. Das macht man einfach nicht. Ich habe persönlich einer Rezensentin einer Zeitung geschrieben, um mich über Spoiler bei einem von ihr rezensierten Film zu beschweren - sie hatte die Schicksale aller Hauptfiguren (wer lebt, wer kommt wann um) sowie das Ende des Filmes verraten. Zurück kam mildes Unverständnis und die Frage, was man denn bei einem solchen Action-Film sonst beschreiben könne...Wie gesagt, im ach so verachteten Internet ist es zur hohen Kunst avanciert, spannende, unterhaltende Rezensionen zu schreiben, die nichts verraten. Das zeugt von einer Liebe zum Film und einem hohen Respekt vor der Community. Ich vermute insgeheim, die Dame fand den Film kindisch und weit unter ihrem Niveau, da war so ein kleines Hoppala ganz in Ordnung. Kleiner Nachtrag: die erwähnte Rezensentin schaffte es drei Wochen später, einen weiteren Film zu "spoilen". Und ich war blöd genug, die Rezension zu lesen. Eigentlich sollten Filmverleiher gegen spoilerträchtige Rezensenten vorgehen, sie kosten die Häuser sicher einige Zuschauer.

...UND BÜCHERN...

Wer sich aber über diese Regeln vollkommen erhaben fühlt, das sind Verlage und Literaturwissenschaftler, speziell im Klappentext oder im Vorwort von Klassikern. Natürlich kann man sagen - wer das Vorwort eines Buches vor dem Text liest, ist wirklich selber schuld. Hier werden alle wesentlichen Plot Points beiläufig im Detail diskutiert, als ob es nicht um eine spannende Geschichte, sondern um das Sezieren eines gestrandeten Walfisches ginge. Aber viele Erstleser fühlen sich durch das Wort "Vorwort" verpflichtet, dieses vor dem Buch zu lesen. Und dann ist der Lesegenuß getrübt. Daher, liebe Verlage - auch wenn es eine schöne Tradition ist, bringt doch das Vorwort als Nachwort, damit alle Leser frei in die Geschichte eintauchen können. Klassiker sind zwar leider literarisch wertvoll, sollten aber trotzdem die Chance bekommen, einfach nur als "gute Geschichte" erlebt zu werden wie von den Erstlesern über die Jahrhunderte.

Geradezu fahrlässig, weil heimtückisch sind die Klappentexte auf Klassikern. Da will man kurz eine Zusammenfassung überfliegen, um was es geht, und RATSCH - bekommt man den Ausgang der Geschichte oder eine entscheidende Wendung in die Fresse, ob man will oder nicht. Man kann das Buch jetzt noch lesen, aber 1/3 des Spaßes sind damit oft weg.

Daß wir uns nicht falsch verstehen - es gibt viele, allzuviele Klassiker, die weitgehend spannungsfrei ablaufen, darauf stolz sind und dafür auch noch gelobt werden. Wenn ich jemandem verriete, was, sagen wir, auf S. 756 des ersten Teils vom "Mann ohne Eigenschaften" passiert, ich traue mich zu wetten, dass er den Rest inklusive Band 2 bei gleichbleibenden Genuß lesen kann. Aber es gibt eben jede Menge Klassiker, da macht es einen erheblichen Unterschied, ob ich die Schlüsselmomente vor der Lektüre kenne oder nicht. (Wobei eine Bekannte mir neulich während der Lektüre von Musils Gigabuch versicherte, sie fände es "ungeheuer spannend". Vielleicht ist das Beispiel falsch gewählt).

Nun ein solches Klappentext-Beispiel. Den nächsten Absatz schreibe ich nur zögerlich, in der Furcht, jemand könne das Buch erraten und gewissermaßen unbewußt gespoilert werden. Aber ich muss den Fall schildern. Bei einem meiner Lieblingsbücher, einem unendlich feinfühlig gestrickten bürgerlichen Drama, las ich auf der Rückseite einer Ausgabe eine brutale Kurzzusammenfassung, bei der mir alle wesentlichen Plotpoints um die Ohren geschlagen wurden wie in einer "Schicksals"-Wochenzeitung. Die Affäre der Protagonistin, die da ausposaunt wurde, ist im Roman so unendlich zwischentönig angedeutet, dass man bis zum eigentlichen Auffliegen gegen Ende nie ganz sicher ist, ob sie überhaupt stattgefunden hat. Daraus speist sich ein Großteil der Spannung in der zweiten Romanhälfte.

So was ist einfach gemein. Ich nehme an, Hintergrund ist eine Mischung  von literarischer Abgebrühtheit, intellektuellem Snobismus und Erinnerungen an den Deutschunterricht: Klassiker sind wertvoll und sollen keinen Spaß machen. Sie gehören sozialhistorisch analysiert, sollen belehren, bilden, erbauen, man darf sich an der Sprache moralisch emporranken. Aber Spaß oder Spannung - ich bitte Sie! Dabei sind Klassiker oft Klassiker, weil sie von Generationen nächtelang, mit trockenen Gaumen, verschlungen wurden. Diese Chance sollte man jedem Buch geben - und zwar spoilerfrei.

Ich habe mich aufgerafft und an den rennomierten Verlag geschrieben und bekam auch eine halbwegs verständnisvolle Antwort. Wenn das mehr Menschen tun würden, könnten gewisse Unsitten sich von selber erledigen. Das beweist die hoffnungsvolle Erfahrung, die ich mit dem Reclam-Verlag machte. Vor drei Jahren schenkte mir jemand Tolstois "Herr und Knecht" in der schmalen gelben Reclam- Ausgabe. Wir erinnern uns - Herr und Knecht geraten gemeinsam in einen Schneesturm und werden in dieser Nacht an Grenzen geführt. Leider verriet der Klappentext den Ausgang der Geschichte. Und ein Großteil des Genusses liegt bei allen ethischen Dilemmas der Geschichte eben darin, dass man nicht weiß, ob? wer? die Nacht überleben wird oder nicht.

Also schrieb ich mein Brieflein an Reclam. Bekam gleich eine nette Antwort. Und dann kam eines Tages ein Kuvert, darin ein netter Brief und die neue Ausgabe von "Herr und Knecht" - mit einem spoilerfreien Klappentext.

Danke, Reclam! Nachmachen, andere Verlage!

1 Kommentar:

  1. Jetzt geht es mir schon wieder so. ich habe nach Jahren beim vierten Anlauf endlich geschafft, Joseph Conrads "Nostromo" richtig zu lesen. und ich traue mich kaum, auf den Klappentext zu schauen, in der Furcht, dass mir dort die ganze restliche Handlung in einem Absatz um die Ohren gehauen wird... ich schaue erst, wenn ich fertig bin. Sonst schaffe ich es nie durch das Buch.

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